10.03.2010
dr micebase cuts his hair.
Von Zeit zu Zeit erreicht das Haar gewisse Längen. Es wellt über die Ohren, es lockt in den Nacken hinab und der Grenzbereich zwischen Sexappeal und Unattraktivität wird für Dr. Micebase schmal wie ein Skalpell.
Grund genug, für Abhilfe zu sorgen und schleunigst ins ‘Haarstudio Anita’ zu eilen. Einen Termin braucht man nicht, hier ist immer ein Plätzchen frei. Hier schneiden noch Fachkräfte mit DDR-Gesellenbrief Betonfrisuren für 8 Euro. Mag sein, dass man sich nach dem Verlassen dieses Haarstudios eine Woche unwohl fühlt, aber man wird trotzdem nicht untreu, denn hier saugt man das Lebensgefühl eines ostdeutschen Sozialbrennpunkts ein wie den heissen Atem eines Alkoholikers.
Es dauert nicht lange und trendbewusste Menschen sagen Sachen wie “Besuche doch lieber ein Szenehaarstudio, Dr. Micebase, in deiner Stadt gibt es massig hippe Salons.” Pah! So einen Blödsinn können auch nur individualisierte Mittzwanziger des 21. Jahrhunderts daherschnattern. Natürlich mag es Geschäfte geben, in denen Friseure einem die wichtigsten Trends des Jahres auf die Kopfhaut praktizieren, aber erstens bezahlt man für so einen Herrenschnitt schnell 20 Euro und zweitens sitzen dort überall Snobs Marke digitale Bohème mit aufwändig inszenierten Strubbelfrisuren.
Bei Anita wiederum sitzen zauberhafte Rentnerinnen und plaudern ohne Punkt und Komma. Amüsiert lauscht man. oder “Ich habe mir überlegt, dass ich lieber Dienstags kommen würde. Mittwochs gehe ich immer zum REWE.” Man nickt, denn diese Frau hat so recht. Wie schnell verliert man als Seniorin beim Einkaufen die Zeit aus den Augen und streift mir nichts, dir nichts zwölf Stunden durch die Gänge? Wenn dann noch der Uhrzeiger signalisiert, dass man einen Friseurtermin bei Anita hat, kommt Hektik auf und klick, klack, springt das künstliche Hüftgelenk aus der Pfanne.
Was außerdem für Anita spricht, sind diese ungezwungenen Gespräche, die einem die Friseuse um den Hals bindet. “Ist doch wieder ein Wetterchen was?” “Ja, ziemlich warm.” “Wurde auch wieder Zeit, nicht wahr?” “Ja.” “Soll ich ihnen ein Spezialkonzentrat gegen ihre Schuppen mitgeben?” “Habe ich Schuppen?” Wie wohltuend direkt diese Ansage aus dem Mund einer sächsischen Vierfachmutter ist. Hier wird noch mit der Sprache rausgerückt. Oftmals sagen Westdeutsche ja, sie könnten die die direkte ehrliche Art aus den Mündern von Ostdeutschen nicht leiden. Der Doc empfindet sie als nicht störend.
Er weiss jetzt, dass seine Kopfhaut schuppt. Er trägt jetzt eine Haarfrisur, die man klassisch nennen könnte. Er muss sich jetzt eine Woche schämen. Es gibt Schlimmeres.






